Sodbrennen – ein Ausflug in die Medizingeschichte
„Der“ Krünitz – bis heute mit das größte deutsche Lexikon |
Für Sodbrennen – eine der häufigsten Beschwerden des Menschen überhaupt – suchen Ärzte immer wieder nach neuen Lösungen. Beispielsweise der Begründer der umfangreichsten deutschen Enzyklopädien überhaupt, der Arzt Dr. Johann Georg Krünitz (1728-96). In seiner „Oekonomischen Encyklopädie“ in 242 Bänden findet sich eine umfangreiche Darstellung der vor rund 200 Jahren aktuellen Einsichten und Therapievorschläge zu Sodbrennen. Unsere Kommentare zeigen, daß zwar die Theorien zur Krankheitsentstehung dem Wandel der Zeiten stark unterliegen, zahlreiche der damals gängigen Therapien jedoch nicht.
| Lexikon-Stichwort Sodbrennen | Kommentare Sodbrennen-Welt.de |
| Sodbrennen, Magenweh, Herzweh, Magendrücken. Ob die angeführten Namen dieser Krankheiten alle sich auf eine und dieselbe Krankheit beziehen, oder ob noch einiger Unterschied zwischen ihnen obwaltet, und sich dieser Unterschied durch besondere Symptome zeigt, ist schwer zu bestimmen. Das Sodbrennen ist auch eine Art Magenweh und hat dieselben Symptome, wie dieses, nur fühlt der Kranke dabei eine Angst, Hitze, welche sich hinauf bis in die Speiseröhre erstreckt und solche zu beengen scheint. | Differenzierte Einsichten zu Erkrankungen von Magen und Speiseröhre waren vor rund 200 Jahren begrenzt. Doch schon im 19. Jahrhundert stand ein unglaublicher Glücksfall Pate, mit dem viele, Jahrhunderte alte Fragen geklärt werden konnten (Wie die wissenschaftliche Untersuchung der Magen-Tätigkeit begann). Die Schilderung der Beschwerden hat sich auch über die Jahrhunderte nicht geändert. |
| Dabei hat der Kranke überhaupt eine Beklemmung, Mattigkeit, Neigung zum Erbrechen, einen Ausfluß eines klaren Wassers aus dem Magen; das Athemholen ist wegen der scheinbaren Beengung der Luftröhre beschwerlich; ein Verlust an Kräften, Kälte in den äußeren Gliedmaßen, häufiges Aufstoßen, wodurch der mit dieser Krankheit Behaftete gewöhnlich Linderung erhält, Kopfweh, Schwindel, Zittern, ein schwacher, aussetzender und ungleicher Puls, ein blasses, gelbliches oder doch mißfarbenes Gesicht, überhaupt mehr oder weniger von den genannten Zufällen sind die Begleiter des Sodbrennens. | Allerdings handelt es sich bei den Beschwerden oft nicht um „einfaches, gelegentliches Sodbrennen“, sondern um Ausdruck fortgeschrittener Erkrankungen. Beispielsweise eines Magen-Geschwür oder von ausgedehnten, chronisch-geschwürigen Speiseröhren-Entzündungen mit narbigen Einengungen der Speiseröhre. |
| Die Ursachen sind [...] häufige scharfe und saure Säfte im Magen, Blähungen, ein Verlust seines Schleimes, gewürzhafte und scharfe Speisen, Würmer, eine Versetzung rheumatischer und gichtischer Materie etc. auf den Magen. Fette Speisen, besonders wenn kalte, schwache Getränke gleich nach ihrem Genusse getrunken worden. | Bei den Ursachen stochert die Medizin des 18. Jahrhunderts noch etwas im Dunkeln. Säure als Auslöser von Sodbrennen ist jedoch auch damals gut bekannt. Genauso wie bestimmte Lebensmittel, die Beschwerden auslösen oder verschlimmern können. |
| Eine gallichte Materie, welche man sowohl an dem bittern und ekelhaften Aufstoßen, als an der gelben oder grünlichen Materie erkennt, die der Kranke ausbricht; Congestionen des Blutes in der Gegend des Magens von einer Vollblütigkeit oder von Krämpfen etc. | Von unsere heutigen Fachärzten weitgehend übersehen, spielen auch Gallenbestandteile eine wichtige Rolle bei der Refluxkrankheit und Sodbrennen. Deshalb sind wirksame Antazida wie z. B. Maaloxan® so bedeutsam. Denn sie binden als einzige Wirkstoffe auch die für die Speiseröhre giftigen Gallenbestandteile (Sodbrennen-Therapie wirkungslos? Gallensaft könnte schuld sein!). |
| Das Verhalten bei dieser Krankheit ist eine leichte Diät zu beobachten, besonders Speisen aus dem Thierreiche zu genießen, weil viele Speisen aus dem Pflanzenreiche, besonders Kräuter, leicht Säure erzeugen. Das Getränk des Kranken darf nicht so beschaffen seyn, daß es leicht in Gährung kommt, daher Wasser und Branntwein, oder irgend ein geistiges Wasser, oder auch Wasser, worein geröstetes Brod eingeweicht worden, ist in der meisten Zeit am dienlichsten; auch Kamillenthee, welcher die krampfhafte Bewegung des Magens stillt; auch die mineralischen laugensalzigen Wasser und destillirten Wasser sind zum gewöhnlichen Getränke sehr gut. | Wie besonders akutes Sodbrennen durch Vermeidung beschwerdeauslösender oder Auswahl geeigneter Lebensmittel gelindert werden kann, ist Teil uralter menschlicher Erfahrung. Der Hinweis auf „destilliertes Wasser“ (auch Aquadest, von lat. aqua destillata) muss nicht besonders ernst genommen werden: Das war im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen der modernen Chemie ein modischer Verkaufsschlager in allen Apotheken. Auch heute gibt es noch Gläubige, die Aquadest für ein Allheilmittel halten. |
| Was die Arzneimittel betrifft, so kann man bei vorhandener Magensäure eine Unze zu Pulver geriebene Kreide, 1/2 Unze feinen Zucker und 1/4 Unze Arabischen Gummi in ein Quart Wasser mischen, und so oft als nöthig ist, eine Thee- oder Kaffeetasse voll davon nehmen. Auch das Weinsteinöl und die weiße Magnesia sind vortreffliche Mittel, wenn das Sodbrennen von einer Säure im Magen entsteht. Von dem Ersteren nehme man zu 20 und mehreren Tropfen in einem Glase Wasser, und von dem Zweiten, dem Pulver, nehme man so viel, als nöthig ist. | Über die Wirksamkeit der genannten Mittel besteht auch aus heutiger Sicht keine Frage. Besonders, wenn die vorgeschlagenen Mittel z. B. „weiße Magnesia“ in der Lage sind, Magensäure zu binden, wie sie es auch in einigen aktuellen Antazida noch tut. Weinsteinöl (Oleum tartari per deliquium) ist heute als Medikament bei Sodbrennen außer Gebrauch. |
| Ist die Schärfe sauerer Art, so bringt sie einen eigenen nagenden Schmerz zu wege, ist sie laugensalzig, so ist der Schmerz brennend. Wenn eine von den beiden Schärfen vorhanden ist, die durch heftigen Zorn entstanden, so muß die Krankheitsmaterie zuerst durch den Stuhlgang ausgeleert werden. Salpeter in kleinen Gaben, oft wiederholt, ist hier von Nutzen; man kann auch hin und wieder einen Trunk kaltes Wasser reichen, und Tücher, die aus einer warmen Bähung ausgerungen sind, auf den Magen legen, bis sich ein Schweiß über den ganzen Leib einstellt. Dieses ist selbst von Nutzen, wenn das Sodbrennen von einer Gallenkrankheit begleitet wird. Wenn diese Krankheit aus dieser Ursache auf ein dreitägiges Wechselfieber folgt, so muß die Heilung mit einem Brechmittel angefangen werden. Ist mit einem gallichten Sodbrennen ein Erbrechen verbunden, so wähle man hitzige blähungentreibende Mittel, und gebe dem Kranken sogenannte Hoffmannische Tropfen oder dessen schmerzstillenden Liquor (Liquor anodinis mineralis Hoffmanni) in gehörigen Gaben, und so oft, als die dringenden Umstände es erfordern. | Die Viersäftelehre (Humoralpathologie) der alten Griechen ist zu Beginn der naturwissenschaftlichen Ära der Medizin noch in allen Köpfen. Dies drückt sich in der Bezeichnung von Krankheits-Qualitäten („Schärfe“ = Symptom bei Störungen der „Schwarzen Galle“) oder in der Wahl von Arzneimitteln („Salpeter“) aus. Während diese Theorien und Therapien weitgehend verschwunden sind, sind uns – zum Glück – die naturheilkundlichen Elemente der griechischen Hippokratiker erhalten geblieben. Hier zum Beispiel schweißerzeugende Bauchwickel. Die erwähnten Hoffmanns-Tropfen (Ätherweingeist) war ab 1780 ein Apotheken-Renner, vor allem um der Modekrankheit „Ohnmachtsanfall“ in gehobenen Schichten mit scheinbar medizinischen Mittel zu begegnen. |
| Kommt das Uebel von fetten Speisen her, so muß der Kranke warmes Wasser trinken und darauf ein wenig von irgend einem geistigen Getränke. | Nun ja, dieses „Rezept“ kennt ja wohl jeder Mensch mit chronischem Sodbrennen!? |
| Sind Gewürze oder stark gewürzte Speisen die Ursache, so schafft häufiges Trinken vom warmen Wasser die geschwindeste und wirksamste Hülfe. | Immer wieder kleine Schlucke Wasser trinken (oder modern ausgedrückt: Mit Kaugummi für ständigen Speichefluss zu sorgen) lindert sehr oft akutes Sodbrennen. |
| Dieser Krankheit sind besonders Personen unterworfen, die viel sitzen müssen, als Gelehrte, die fleißig studiren oder arbeiten, Leute, die Künste und Gewerbe treiben, wobei sie viel sitzen müssen, wie die Uhrmacher, Schneider etc. etc. Sehr oft findet man bei dieser Lebensart, daß der Körper stark ist. | In Wirklichkeit betrifft Sodbrennen alle Menschen, in allen Alters- oder Berufsgruppen, auf allen Kontinenten. Die links genannten Personengruppen waren wohl eher solche, die es sich leisten konnten, zum Arzt zu gehen oder Medikamente zu kaufen... |
| Hier, wo eine Schlaffheit des Magens statt findet, ist die Peruvianische Rinde in Pulver des Tages zwei- oder dreimal zu einem halben bis einem ganzen Quentchen genommen, oder ungestoßener Senf des Tages zwei- oder dreimal zu einem mittelmäßigen Löffel voll genommen, oder, wenn diese Mittel nicht die gehörige Wirkung thun, nehme man erwärmende Mittel und die stinkenden Gummis, wie Assa foetida mit schwachen Stahlmitteln versetzt. | Hier werden einige lukrative Import-Heilpflanzen empfohlen, unter anderem die (peruvianische) Chinarinde oder der aus dem Osten stammende Stinkasant (Asa foetida). Senf wird übrigens auch heute noch gelegentlich als Hausmittel gegen Sodbrennen empfohlen. |
| Ueberladung des Magens sind zuweilen die Ursachen, in welchem Falle man nach einem Brechmittel Kamillen- oder Cardobenedickten-Thee geben kann, und wenn die Diät vorher faulicht gewesen ist, so lasse man Weinessig und andere vegetabilische Säuren nehmen. | Die bei uns heimischen Heilpflanzen Kamille (Matricaria chamomilla) und Benediktenkraut (Cnicus benedictus) mit ihrer entzündungslindernden und magenstärkenden Wirkung können bei bestimmten Erkrankungen, zum Beispiel Speiseröhren-Entzündungen, wertvolle Hilfe leisten. |
Autor
- Rainer H. Bubenzer - Gesundheitsberatung Top-Fit-Gesund, Juli 2010.
- Bubenzer RH: Beim Eintrag „Leiche“ starb der Autor der Krünitz-Enzyklopädie. Notfall & Hausarztmedizin 2008; 34 (3): 118 (Kurzfassung, Volltext)