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Spiegel

Online-Ausgabe 2.9.2002 (Heft 36).

Medizin
Spiel mit der Angst

Durch Aufklärungskampagnen werden Allerweltsleiden immer häufiger zu bedrohlichen Krankheiten aufgebauscht - zum Wohle der Pharmaindustrie.

Im Kampf gegen Knochenschwund tourten Ärzte bis Mitte August mit einem Lkw durchs Land. Frauen über 60 Jahre konnten in der mobilen "Osteoporose-Forschungs-Station" unter anderem kostenlos ihre Knochendichte messen lassen. Im Gegenzug erhofften sich die Mediziner des Berliner Zentrums für Muskel- und Knochenforschung interessante Forschungsdaten. Schirmherrin war die SPD-Gesundheitsexpertin Gudrun Schaich-Walch.

Eine uneigennützige Aktion zu rein wissenschaftlichen Zwecken? Nicht ganz. Finanziert wurde das Forschungsmobil von zahlreichen Pharmaunternehmen, die Medikamente gegen Knochenschwund anbieten. Und diesen Sponsoren geht es vor allem um eines: möglichst viel Aufmerksamkeit erregen und Angst machen vor der still lauernden Osteoporose-Gefahr. Das zumindest meint die Hamburger Professorin für Gesundheitsforschung, Ingrid Mühlhauser. "Ich will Osteoporose nicht verharmlosen, aber es könnte passieren", so befürchtet sie, "dass die Frauen gesund in den Truck reingehen und so verunsichert wieder herauskommen, dass sie sich krank fühlen."

Knochendichte-Messung: Aussagekraft umstritten

(Kuratorium Knochengesundheit)
Knochendichte-Messung: Aussagekraft umstritten

"Disease Mongering" (Handel treiben mit Krankheiten) nennen Kritiker dieses Spiel mit der Angst der Patienten, das immer häufiger Bestandteil der Marketingstrategien der Pharmakonzerne ist - und sich offenbar auszahlt: Etwa jede zweite Frau, bei der eine verminderte Knochendichte gemessen wurde, beginnt mit einer medikamentösen Therapie - obwohl höchst umstritten ist, was diese Untersuchung allein über das tatsächliche Risiko aussagt, einmal an Osteoporose zu erkranken.

An Beispielen für Disease Mongering mangelt es nicht. Vor allem Allerweltsleiden wie Darm- oder Nagelpilz, Inkontinenz, Sodbrennen oder das Reizdarmsyndrom werden durch groß angelegte Aufklärungskampagnen in den Stand gefährlicher und behandlungsbedürftiger Krankheiten erhoben - besonders, wenn ein passendes Medikament zur Verfügung steht.

Diese Strategie zeigt sich auch in dem vertraulichen Entwurf eines Schulungsprogramms, den das Fachblatt "British Medical Journal" kürzlich enthüllt hat. Das Programm wurde von einer PR-Firma im Auftrag des Pharmaunternehmens GlaxoSmithKline in Australien als Teil einer Marketingstrategie zur Behandlung des Reizdarmsyndroms entwickelt. Dieses Syndrom gilt allgemein als harmlose, psychisch bedingte Ausschlussdiagnose.

In dem PR-Papier, von dem GlaxoSmithKline sagt, es spiegele nicht die eigene Meinung wider, heißt es: "Das Reizdarmsyndrom muss in den Köpfen der Ärzte als wichtiges, klar umrissenes Krankheitsbild etabliert werden." Und weiter: Auch die Patienten "müssen überzeugt werden, dass das Reizdarmsyndrom eine weit verbreitete und anerkannte Krankheit ist".

Osteoporose-Mobil (in Schwerin): Gesund hinein und krank wieder heraus?

(Kuratorium Knochengesundheit)
Osteoporose-Mobil (in Schwerin): Gesund hinein und krank wieder heraus?

"Um da hinzukommen", erklärt Wolfgang Becker-Brüser, Mitherausgeber des industriekritischen "Arznei-Telegramms", "wird zunächst aus der Vielzahl der Erklärungsmodelle der Krankheit dasjenige herausgesucht, das am besten die Wirkung des jeweiligen Medikaments erklären kann." Beim Reizdarmsyndrom sei das eine (durch das vorhandene Medikament beeinflussbare) Störung im Haushalt des Transmitterstoffs Serotonin im Darm.

"Dann werden Chefärzte oder Universitätsprofessoren gesucht und bezahlt, die auf Kongressen und in den Medien dieses Erklärungsmodell als maßgeblich und damit das Medikament als nützlich darstellen sollen", sagt Becker-Brüser. Auch in dem australischen Strategiepapier wird die Gewinnung der wissenschaftlichen Meinungsmacher als wesentlicher Schritt beschrieben.

Ein typisches Beispiel war auch die Kampagne "Alarmzeichen Sodbrennen!". In Zusammenarbeit mit dem ZDF wurde dafür geworben, bei Sodbrennen zum Arzt zu gehen. Die dabei vermittelte Warnung: Ohne die Verordnung von "Protonenpumpenblockern" (einer der Hersteller sponserte die Kampagne, wie das "Arznei-Telegramm" enthüllte) könne Speiseröhrenkrebs entstehen.

Tatsächlich wurde in einer aktuellen Untersuchung, die vor wenigen Wochen im "Deutschen Ärzteblatt" erschien, diese Behauptung abgeschwächt: Selbst wenn schon Krebsvorstufen bestehen sollten, fasst darin Volker Eckardt von der deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden den neuesten Forschungsstand zusammen, sei die Gefährdung geringer als angenommen.

Der einzige Effekt von Aufklärungskampagnen, so Eckardt, sei bislang eine Verteuerung der Medizin - dennoch soll "Alarmzeichen Sodbrennen!" wegen des "Erfolgs, der Leben retten kann" (ZDF-Begleitwort), weitergeführt werden.

Oft bewegen sich die Kampagnen nach Ansicht des "Arznei-Telegramms" am Rand der Legalität. "Werbung zu machen, die auf die Angst der Patienten zielt, ist laut Heilmittelwerbegesetz verboten", sagt Jutta Halbekath, "aber gerade weil die Kampagnen mit existenziellen Gefühlen spielen, sind sie wahrscheinlich auch so erfolgreich."

Doch wo kein Kläger ist, da gibt es auch keine Klage: An den Aufklärungskampagnen beteiligen sich nicht selten Patienten-Selbsthilfegruppen, die manchmal auch großzügig von der Pharmaindustrie bedacht werden. Ignoriert werden dabei von den Patienten oft die gesundheitlichen Folgen einer Medikamenteneinnahme.

So forderte ein Selbsthilfeverband in den USA die Wiedereinführung des Reizdarm-Präparats Alosetron. Das Mittel war zuvor nach Berichten über Todesfälle vom Markt genommen worden - inzwischen ist es mit Einschränkungen wieder zugelassen.


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