Kommentar
Kalziumkarbonat-haltige Antazida für Schwangere?
„Kalziumkarbonat (Marmor): Als Künstler-Werkstoff immer noch in, als Antazidum jedoch mega-out“ |
Millionen Deutsche leiden unter Sodbrennen - mal öfter, mal seltener - mal stärker, mal weniger stark. Die meisten gehen damit nicht zum Arzt, viele fragen auch keinen Apotheker um Rat. Um so wichtiger wäre es, dass zur Selbstbehandlung wirksame und medizinisch unkritische Produkte* verwendet werden. Einige säureneutralisierende Wirkstoffe gegen Sodbrennen („Antazida“), die in verschiedenen freiverkäuflichen Präparaten enthalten sind, werden von der Stiftung Warentest, Öko-Test und anderen Einrichtungen anhaltend kritisiert. Besonders der chemische Wirkstoff Kalziumkarbonat (Calciumcarbonat) aus der Gruppe der Kohlensäure-Salze (hierzu gehört auch Natriumkarbonat).
WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel (Gruppe Magen-Darm-Mittel)
Im Abschnitt Antazida und andere Anti-Ulkusmittel werden von der Weltgesundheits-Organisation nur drei Wirkstoffe als unverzichtbar aufgezählt:
- Aluminium-Hydroxid (ein säureneutralisierendes Antazidum, das zum Beispiel enthalten in Maaloxan® ist).
- Magnesium-Hydroxid (ein säureneutralisierendes Antazidum, das zum Beispiel enthalten in Maaloxan® ist).
- Ranitidin (ein Wirkstoff, der im Magen die Säurebildung blockiert).
Salze der Kohlensäure (z. B. Kalziumkarbonat) oder andere Wirkstoffe (z. B. Omeprazol) werden nicht genannt. [1]
Die Stiftung Warentest kritisiert in ihrer Zeitschrift test: „Allerdings gibt es heute weit bessere Präparate als diese traditionellen. Unseres Erachtens ist der Wirkstoff Calciumcarbonat, der zum Beispiel in den Mitteln ... und ... steckt, wegen seiner Nebenwirkungen gegen Sodbrennen nur ‚mit Einschränkung geeignet'. ... Grund: Carbonathaltige Antazida setzen bei der Reaktion mit Magensäure Kohlendioxid frei (Völlegefühl, Aufstoßen). Wechselwirkungen: Verminderte Aufnahme bestimmter Medikamente (u. a. bestimmte Antibiotika, Fluoride und Bisphosponate). Bei erhöhten Kalzium-Blutwerten kann die Empfindlichkeit gegenüber herzwirksamen Glykosiden verstärkt sein. Besondere Vorsicht bei eingeschränkter Nierenfunktion, Nierensteinen oder Nierenverkalkung.“ [2] In dem über 9.000 umfassenden Medikamenten-Bewertungssystem der Stiftung heißt es zudem: „Wenn Sie die Mittel über lange Zeit anwenden, kann sich zu viel Kalzium im Blut anreichern. Verwirrtheit, Muskelschwäche, Durst, häufiges Wasserlassen, Verstopfung und Juckreiz deuten auf eine solche Hyperkalzämie hin. Wenn Sie solche Symptome spüren, sollten Sie den Arzt aufsuchen und den Kalziumspiegel im Blut bestimmen lassen.“ [3] Auch die Zeitschrift Öko-Test äußert sich recht eindeutig: „Besonders bedenklich sind Mittel mit den Wirkstoffen Calciumcarbonat und Natriumcarbonat. Sie binden zwar überschüssige Säure, dabei bildet sich aber Kohlendioxid(CO2)-Gas, was zu Blähungen führt. Ob sie auch eine verstärkte Säureausschüttung anregen, ist umstritten“. [4]
So weit, so gut - hier erlaubt offensichtlich die Berliner Arzneimittelzulassungsbehörde „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm)“ den rezeptfreien Verkauf von Wirkstoffen mit doch recht unschönen Anwendungs-Problemen. Die von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Fach-Unterlagen bestätigen alle oben aufgeführten unerwünschten Wirkungen: „Bei langfristiger Einnahme hoher Dosen kann es zu erhöhten Blut- und Urincalciumspiegel (Hypercalcämie/Hypercalciurie), Nierensteinerkrankheiten (Nephrolithiasis), erniedrigten Blutphosphatspiegeln (Hypophosphatämie) und Kalkstoffwechselstörungen (Milch-Alkali-Syndrom) kommen. Das Arzneimittel kann den pH-Wert des Urins beeinflussen, was insbesondere bei Patienten mit Nierensteinen (Calciumphosphatsteine) wichtig ist.“ [5] Dies hat Konsequenzen für Patienten mit Nierenschwäche, Nierenverkalkung oder verschiedenen Stoffwechselerkrankungen - diese dürfen kalziumkarbonat-haltige Antazida keinesfalls einnehmen.
Contergan-Skandal: Der Wirkstoff Thalidomid wurde 1953 in Deutschland entdeckt und 1958 von dem Pharmaunternehmen Grünenthal unter dem Namen Contergan als Schlaf- und Beruhigungsmittel auf den Markt gebracht. Erst im Lauf der Zeit stellte sich heraus, dass das scheinbar harmlose Medikament, während der Schwangerschaft eingenommen, zu starken Missbildungen bei Embryos führte. Die charakteristischen fehlenden Gliedmaßen bei den betroffenen Kindern waren das auffälligste Merkmal der Conterganschädigung, daneben waren aber auch innere Organe betroffen. Als Folge des weltweiten Skandals wurde Contergan 1962 vom Markt genommen - gemeinsam mit anderen thalidomidhaltigen Pharmaka. Man schätzt, dass in der Zeit von 1958 bis 1962 allein in Deutschland etwa 10.000 Kinder mit missgebildeten Gliedmaßen geboren wurden (von denen nur etwa die Hälfte lebensfähig war). Bei den folgenden Gerichtsverfahren wurden die Hersteller von Contergan u. a. zu sehr hohen Geldstrafen verurteilt - es folgten viele Schadensersatzklagen. Der Conterganskandal hatte weltweit einschneidende Verschärfungen in der Kontrolle und den Prüfverfahren von Pharmazeutika zufolge [6]. Weitere Informationen: de.wikipedia.org/wiki/Contergan.
Besonderer Schutz von Schwangeren
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Dass entsprechende Präparate nun ausgerechnet auch für Schwangere beworben werden, erscheint bereits vor diesem Hintergrund als fragwürdiger Versuch, die medizinisch besonders gefährdete Konsumentengruppe der Schwangeren und ihrer ungeborenen Kinder zu erschließen. Zwar sind kalziumhaltige Antazida für Schwangere zugelassen. Hauptgrund ist vor allem, dass keine fruchtschädigenden Effekte bekannt sind (siehe Kasten Conterganskandal), die Kinder also keine Mißbildungen durch Kohlensäuresalze bekommen. Doch ausdrücklich den Einsatz von kalziumhaltigen Antazida bei Schwangeren nahezulegen (zur Linderung von Sodbrennen und als angeblicher „Knochenschutz“ bei Mutter und Kind), wie es jetzt ein ehemaliger Angestellter der Pharma-Unternehmen Bayer, Winthrop, Hoffman La Roche sowie Procter & Gamble, der Pharma-Marketingexperte Steven Weisman aus Morristown/USA [7] in einem renommierten Fachblatt für Gynäkologen tut, erscheint aus wissenschaftlicher Sicht mehr als gewagt [8]. Die Aussagen treten noch deutlicher als interessengesteuert hervor, wenn man beachtet, dass etliche von Weismans ehemaliger Arbeitgeber genau solche Kalzium-Präparate im Angebot hatten oder haben.
Alleinige Kalzium-Ergänzung nur von geringem Knochenvorteil
Dass die - wenn überhaupt - von Knochenschwund eigentlich gebeutelte Personengruppe, nämlich Frauen nach den Wechseljahren, von der Einnahme von Kalzium (und dem für den Einbau in den Knochen unbedingt notwendigen Vitamin D) kaum oder überhaupt nicht profitiert, zeigt jetzt die Megastudie „Women's Health Initiative“ (über 38.000 teilnehmende gesunde Frauen): Weder Knochenmasse noch Anzahl der Hüftgelenksbrüche verändern sich signifikant, dafür kommt es aber häufiger zu kalziumbedingten Nierensteinen [9]. Für eine knochenschützende Wirkung von zusätzlich eingenommenen Kalzium bei Schwangeren liegen noch weniger signifikante wissenschaftliche Belege vor.
Deshalb hier der immer wiederholte Hinweis: Schwangere sollten grundsätzlich keine Medikamente verwenden, wenn dies nicht zuvor mit den betreuenden Ärzten/Geburtshelfern besprochen worden ist. Auch nicht, wenn diese Mittel rezeptfrei in der Apotheke, in Reformhäusern oder gar Supermärkten oder das Internet erhältlich sind. Sinnvoll ist auch, besonders wenn vom Arzt mehrere Präparate verordnet werden sollten, den Apotheker um eine Computer-Analyse möglicher Wechselwirkungen zu bitten.
- Rainer H. Bubenzer - Chefredakteur Sodbrennen-Welt.de
- Bildquellen: www.sxc.hu, © JakeCampbe
Anmerkung
* „medizinisch unkritisch“ oder „unbedenklich“ ist nicht gleichbedeutend mit „von der Zulassungsbehörde zugelassen“. Eine Vielzahl auch der ohne Rezept freiverkäuflichen Medikamente können gesundheitsgefährdende Neben- und Wechselwirkungen entfalten.
- WHO: WHO Model List of Essential Medicines, 14th edition. Geneva, March 2005 (Volltext).
- NN: Magenmittel -- Zu viel versprochen. test 2: 86-90, 2002 (Volltext).
- NN: Medikamente im Test. Arzneibewertungs-System zu über 9.000 Medikamente (für AOK-Mitglieder kostenlos nutzbar).
- NN: Mittel gegen Sodbrennen -- Nicht sauer sein. Öko-Test Jahrbuch Gesundheit für 2004:110-4 (Gekürzter Volltext).
- Arzneimittelinformationssystem DIMDI PharmSearch, April 2006.
- NN: Pharmazeutische Industrie. Microsoft Encarta 2006.
- Innovative Science Solutions, LLC.: Steven M. Weisman, Ph.D. -- Head, Global Healthcare Products Practice.
- Thomas M, Weisman SM: Calcium supplementation during pregnancy and lactation: effects on the mother and the fetus. Am J Obstet Gynecol. 2006 Apr;194(4):937-45 (Medline).
- Jackson RD, LaCroix AZ, Gass M, Wallace RB, Robbins J, Lewis CE, Bassford T, Beresford SA, Black HR, Blanchette P, Bonds DE, Brunner RL, Brzyski RG, Caan B, Cauley JA, Chlebowski RT, Cummings SR, Granek I, Hays J, Heiss G, Hendrix SL, Howard BV, Hsia J, Hubbell FA, Johnson KC, Judd H, Kotchen JM, Kuller LH, Langer RD, Lasser NL, Limacher MC, Ludlam S, Manson JE, Margolis KL, McGowan J, Ockene JK, O'Sullivan MJ, Phillips L, Prentice RL, Sarto GE, Stefanick ML, Van Horn L, Wactawski-Wende J, Whitlock E, Anderson GL, Assaf AR, Barad D; Women's Health Initiative Investigators: Calcium plus vitamin D supplementation and the risk of fractures. N Engl J Med. 2006 Feb 16;354(7):669-83. Erratum in: N Engl J Med. 2006 Mar 9;354(10):1102 (Medline).
